Man nannte ihn Totengräber und Nostalgiker

Simon Baur, Basler Zeitung, 20 Septembre 2022
Jürg Kreienbühls Werk sieht aus wie eine Chronik vergangener Zeiten und Ist trotzdem zeitgemäss.


Ende der 1980er-Jahre sah man Jürg Kreienbühl tagelang Im sudhaus der alten Brauerei Warteck im Basler Wettsteinquartier an der Staffelei sitzen. Akribisch widmete er sich den Glasscheiben von Burkhard Mangold, die die Geschichte der Brauerei aufzeigen. Er liebte es, direkt vor dem Motiv zu sitzen.

 

Natürlich Interpretierte auch er. Er bestimmte den Ausschnitt, die Perspektive und den Lichteinfall und die daraus sich ergebenden Reflexionen auf den kupfernen Braukesseln des sudhauses oder die Dimensionen eines Berges in einer Landschaft.

 

Schliesslich hatten vor ihm auch andere Maler Ihre Bilder subjektiv beeinflusst, und er bezog sich gerne auf sie, er ahmte gar Ihren Stil in seinen eigenen Bildern nach.

 

Jürg Kreienbühl wusste, dass er einer aussterbenden Gattung von Malern angehörte. Wer malt denn in Zeiten von Fotokameras, Videos und Handys noch Landschaften oder Fabrikanlagen. Und doch Ist es nicht das Gleiche. Die subjektive malerische Interpretation fällt eben weg und genau die hatte es Jürg Kreienbühl angetan.

 

Er suchte stets das Unbekannte und Absurde

 

Oft hat man ihn als Totengräber und Nostalgiker bezeichnet, weil es die Orte, an denen er malte, heute so nicht mehr gibt. Doch das wird seinem Interesse nicht gerecht. Er war eher der Forscher, den es an diese magischen Orte zog, da er stets das Unbekannte und auch Absurde seiner Zeit suchte. Und dieses musste er dann über Monate akribisch festhalten. Und er litt jeweils darunter, wenn er unverhofft vom Ende "seiner" Institution hörte, weil man Ihm damit den Boden unter den Füssen beziehungsweise das Motiv von der Leinwand zog.

 

Und so empfand man ihn bisweilen als schrulligen, aber höchst eloquenten und kommunikativen Kauz und Einzelgänger, der aus unserer Zeit gefallen war. Wer sich seine Bilder heute, rund fünfzehn Jahre nach seinem Tod, anschaut, wird vermutlich etwas melancholisch und fragt sich in Anbetracht unserer Schnelllebigkelt, wie das damals wohl war, als die Stunden noch stillgestanden sind und ein Maler mit Leinwand, Staffelei und Malkasten durch Wiesen und Strassen zog, unentwegt auf der suche nach seiner verlorenen Zeit.